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Wettbewerb Grabeskirche, Herzogenrath

2015

   
 
     
 

ENTWURFSERLÄUTERUNG
GRABESKIRCHE UND KAPELLE ST. BONIFATIUS SCHAUFENBERG

Situation:

Die Pfarrkirche St. Bonifatius – entworfen und erbaut Mitte der 50er Jahre – liegt im Ortsteil Schaufenberg der Stadt Hückelhoven. Der Kirchenraum wurde ohne den geplanten Glockenturm errichtet. Die Konstruktion des Gebäudes als Stahlbetonskelettbau mit Ziegelausfachung ist von außen durch die verschiedenen Materialien klar ablesbar. Im Inneren sind die Wände gleichmäßig hell verputzt, so dass der sanft geschwungene parabelförmige Grundriss den Raum bestimmt. Die Dachkonstruktion mit ihren hohen schlanken Unterzügen ist ein den Raum prägendes Element und folgt den parabelförmigen Außenwänden der Kirche. Die Unterzüge gliedern die Decke in einem sehr harmonisch wirkenden Rhythmus. Diese Linienführung fasst und betont den jetzigen Altarbereich, seitlich wird dieser durch die hohen farbigen Glasfenster gerahmt.

Konzeption:

Die für die Umgestaltung zu einer Grabeskirche erforderlichen Einbauten folgen in ihrer Grundhaltung der raumprägenden Wand- und Dachstruktur, übertragen die geschwungenen Linien der Unterzüge auf den Boden und lassen so Räume entstehen, die unmittelbar auf das vorhandene Bauwerk mit seiner Tragstruktur und Lichtführung Bezug nehmen. Es entstehen kleinere gleichmäßige und doch unterschiedliche Einheiten, in denen jedes Grab seinen eigenen Ort findet.

Grabeskirche:

Wichtige Voraussetzung für die Realisierung eines Kolumbariums ist die gute und barrierefreie Erreichbarkeit aller Bereiche für die zumeist schon älteren Angehörigen und Besucher. Deshalb sieht der Entwurf vor, die vorhandene Erhöhung um 4 Stufen im Altarbereich zurückzubauen. Dies ist bautechnisch durch die Tragstruktur des bestehenden Kellers gut umsetzbar. Das neue durchgehende Niveau im vorderen Teil der Kirche wird um ca. 17cm erhöht und über eine flache Neigung im Eingangsbereich zur Platzfläche hin ausgeglichen. Die so gewonnenen 17cm Bodenaufbau ermöglichen es, die notwendigen Unterkonstruktionen für die Urnenwände und den neuen Bodenbelag aufzubringen, ohne in den Bestand weiter eingreifen zu müssen.

Schon in der ersten Ausbaustufe wird der gesamte Boden der Kirche für den abschließenden Ausbau vorbereitet. Unterhalb der Urnenwände werden 75cm breite und 17cm starke Sichtbetonfertigteilelemente auf dem bestehenden Kirchenboden fixiert, auch ihre Form folgt der parabelförmigen Dachkonstruktion. Geschliffene Estrichflächen als neuer Boden der Grabeskirche schließen in gleicher Höhe, abgetrennt durch eine Fuge, seitlich an die Betonfertigteile an. Die zukünftigen Orte der Urnenwände zeichnen sich schon im Boden ab.

Etwa 3m hohe, an den Enden abgewinkelte Wandelemente aus einer Stahlkonstruktion, verkleidet mit dunkel schimmerndem, rohem Stahlblech, werden auf die Betonfertigteile gesetzt. Sie dienen sowohl der Befestigung als auch dem Verschluss der Grabkammern. Stifte, die zur Befestigung der Grabkammern dienen, rhythmisieren die Wände und zeigen die späteren Grabstellen auf. Die Urnen selbst werden in einem Kubus aus Massivholz beigesetzt, die offene Seite des Kubus wird auf Stifte, die in die Löcher der Stahlwand eingesetzt sind, geschoben und über ein Verschlusssystem durch kleine Löcher in der Frontseite unverrückbar fixiert. Auf matten Glasplatten, die bündig in die Holzfläche der Kuben eingelassen werden, stehen der Name und die Lebensdaten des Verstorbenen. Die Angehörigen können den Ort des Grabes wählen, die Wände werden sich nach und nach füllen, das unangemessene Bild von einer Bestattung gleichsam im Schließfach wird vermieden, da es keine „Türöffnung“ gibt. Die Gräber werden gegen die Wand verschlossen. Außerdem sind bei der Wahl der Kuben verschiedene Holzarten als auch die Bestattung in einem Doppelgrab, mal übereinander oder nebeneinander angeordnet, möglich. Beides unterstützt die individuelle Gestaltung jeder Grabwand, die Struktur bleibt gleich, die Urnenwände sind letztlich in ihrer Lage im Raum, in Ihrer Ausformung und Länge unterschiedlich.

Der Entwurf verzichtet bei der Ausgestaltung der Holzkuben bewusst auf eine individuelle Kerzen oder Blumenablage an jedem einzelnen Grab. Stattdessen soll es auf jeder Grabwand eine definierte Fläche geben, an der Kerzen in ein Sandbett gestellt werden können. Der Bezug zum Grab des Angehörigen ist durch die Nähe zum Grab gegeben, trotzdem wird mit jedem aufgestellten Licht auch der anderen Verstorbenen gedacht. Die freibleibenden Wandflächen oberhalb der Kerzen geben die Möglichkeit eine silbrig schimmernde Linienstruktur in das Stahlblech künstlerisch einzubringen, die die Auflösung des Lebens und den Übergang in ein neues Leben versinnbildlichen kann.

In den sich ausbildenden Räumen zwischen den Urnenwänden werden in Verlängerung der kleinen Seitenfenster Sitzflächen angeordnet.

In der ersten Ausbaustufe, die direkt mit der zweiten zusammengefasst werden kann, wird schon der gesamte Kirchenboden für die Aufstellung der Grabwände vorbereitet, der Raum füllt sich vom Haupteingang Richtung Chor. Es werden so in der 1. Ausbaustufe ca.1.200 Grabplätze geschaffen, davon noch wahlweise in Doppelgräbern festzulegen. In der 2.Ausbaustufen werden nochmals ca. 200 Grabplätze geschaffen. In dieser Zeit bleibt der Teil der Kirche mit dem jetzigen Altarbereich für Aussegnungsgottesdienste frei. Auch Gottesdienste an besonderen Tagen zum Gedenken der Verstorbenen könnten hier gefeiert werden. Erst in der abschließenden 3. Ausbaustufe mit ca. 570 Grabplätzen werden die Grabwände bis an den Chorbereich herangeführt. Jetzt ist Platz für 1970 Urnen.

Der ehemalige Altarbereich wird nun zu einem Ort der Ruhe und des Gebetes. Auf einer großen, um eine Stufe erhöhten Kiesfläche unter einem Chorkreuz können Blumen zum Gedenken der Verstorbenen auf einem Blumenfeld abgelegt werden. Zwei Bänke fassen den Bereich ein und laden zum Verweilen und Gedenken ein. So bleibt auch in der fertiggestellten Grabeskirche der ehemalige Altarbereich mit seinen raumbestimmenden Fenstern ein besonderer, würdiger Ort.

Um die neue Nutzung der Kirche St. Bonifatius auch nach außen sichtbar zu machen, sollen schon in der ersten Ausbaustufe die dünnen Wandbereiche rechts und links neben dem Eingang, dort wo sich zur Zeit noch die Beichtstühle befinden, entfernt und durch gestaltete Glasflächen ersetzt werden. Der Eingangsbereich im Inneren wird so heller und einladender, es entstehen Bezüge zwischen Innen und Außen. Besucher können auch bei geschlossener Grabeskirche den Kolumbariumsbereich wahrnehmen.

In der abschließenden 3.Ausbaustufe können an diesen Stellen Räume eingeschoben werden, die ergänzende Funktionen aufnehmen, wie zum Beispiel ein Empfangsbüro oder einen Raum, beheizt und getrennt vom Kolumbarium, wo der Angehörige zu Tod und Trauer ausgewählte Literatur und Begleitung findet oder mit anderen Menschen ins Gespräch kommen kann.

Das Relief des heiligen Bonifatius findet einen würdigen Platz in der östlichen Konche und öffnet sich zum durch die Urnenwände dort eingefassten Raum.

Der Entwurf empfiehlt die Orgel und die Orgelempore zurückzubauen. Beides wird für die Nutzung als Kolumbarium nicht mehr benötigt, Empore und Orgel verdecken das große Fenster oberhalb des Eingangs. Für den Lichteinfall und eine Wahrnehmung des kelchförmigen Raumes in seiner Gesamtheit wäre der Rückbau vorteilhaft, aus wirtschaftlicher Sicht entfallen die hohen Unterhaltskosten der bestehenden Orgel. Eine musikalische Begleitung kann dann auch übergangsmäßig über eine kleine Truhenorgel erfolgen.

In der jetzigen Sakristei können die Arbeitsplätze für die Verwaltung mit Besprechungsmöglichkeit und Toilettenanlage sinnvoll untergebracht werden. Für eine direkte Präsenz wären die Ausbauten im Eingangsbereich in der 3. Ausbaustufe empfehlenswert.

Nach dem Ende der Liegezeit werden die Aschekapseln eine Aufbewahrung im Untergeschoss unter dem Kirchenraum finden. Hierfür ist ein Bereich massiv abzutrennen. Ein Zugang von außen vom tiefer liegenden Garten der Stille aus direkt in den Aufbewahrungsraum über einen neuen definierten Zugang ist vorgesehen.

Pfarrhaus mit Kapelle:

Das bestehende Pfarrhaus kann ohne aufwendige Umbaumaßnahmen die neuen Räume für Verwaltung mit Büros und Besprechungsraum aufnehmen. Im Erdgeschoss wird ein barrierefreies WC angeboten. Abstellräume können im UG untergebracht werden.

Die Kapelle entsteht im Bereich der später angefügten Erweiterung des Pfarrhauses. Durch den Ausbau der Erdgeschossdecke und Ergänzung einer kleinen Fläche zum Platz hin, entsteht ein dreihüftiger, schlanker und angemessen hoher Sakralraum. Dieser orientiert sich zum Hof bzw. Vorplatz und zum tiefer liegenden Garten. Eine kleine Truhenorgel findet Platz in der neuen Kapelle. Der Pfarrer erhält im angrenzenden Besprechungsraum einen Paramentenschrank. Die Grabeskirche und das Pfarrhaus mit Kapelle werden räumlich und inhaltlich über die neue Zonierung der Außenräume verbunden. Der Pfarrgarten wird ein Garten der Stille, der Vorplatz zu einem Hof der Begegnung.

dbap

dewey + blohm-schröder architekten

Architekt Gregor Dewey
Architektin Felicitas Casser
Architektin Ronja Danner

mit
Jürgen Drewer
architekturbezogene Gestaltungskonzepte




           

           

          

           

 

 

FOTOS
BROSCHÜRE
 
 
 
     
 
01.12.2015